Es ist um einiges mehr als 10 Jahre her, dass ich meinen letzten Sprung ausführte. Diese stellte ich mit Entsetzen und Alex Bösel von www.skytandem.de mit einem fetten Grinsen fest. Allerdings verschwand sein Grinsen dann auch ziemlich schnell, als wir die korrekte Jahreszahl eruierten und wir beide zum selben Fazit kamen: »Oh, verdammt – sind wir alt!« Als mir Alex als Teilbezahlung für sein neues Logo und sein T-Shirt Motiv einen Solo-Sprung anbot, hatte ich ganz kurz die Traumvorstellung von einer kurzen Einweisung in das Gurtzeug (worin Fallschirm und Reserve drin verpackt sind), ab in den Flieger und dann mit einem eleganten »Dive« von diesem weg Richtung Erde.

Ok. Erster Punkt: Wir springen in Deutschland und selbst ein »Skydive-Freigeist« wie Alex hält sich strikt an die Regeln des Luftfahrtrechts. Zweiter Punkt: Nicht nur wir beide sind älter geworden, auch im Fallschirmsport hat sich einiges verändert. Mein 65er Sprung würde also genau nach Ausbildungs-Handbuch gehen. Ein Level I – AFF Sprung. AFF steht für »Accelerated Freefall« (beschleunigte Freifallausbildung). Level I für den ersten Sprung auf dem Weg die Sprunglizenz zu erwerben – und bei skytandem.de aktuell für 359,- Euro auch als »Schnuppersprung« zu buchen. Auf Level I begleiten mich zwei Lehrer auf meinem Flug und ich habe unter ihren wachsamen Augen ein Programm von drei Scheingriffen (angedeutetes ziehen des Schirms) durchzuführen plus korrekter Höhenkontrolle. Auf 2.000 Meter dann ein »No more« von mir zu geben und bei 1.700 Meter abzuwinken und meinen Schirm zu ziehen. 700 Meter über der Höhe, in der ich vor Jahren meinen Schirm zum letzten Mal gezogen habe.

Anfänger-Level – soll ich vielleicht auch noch Mutti anrufen um mir die Erlaubnis zu holen – ist nur ein kurzer Gedanke. Beim Anblick der aktiven Springer um mich herum, wird mir schnell klar, der einzige Bonus den ich habe ist, dass ich noch einen Hauch Ahnung davon habe was mich da oben am Exit (Ausstieg aus dem Flieger) erwartet. Mehr nicht.

Der Vorteil der AFF Ausbildung liegt darin, sofort mit dem Freifall zu beginnen. Der Nachteil: Man bekommt innerhalb kürzester Zeit und unmittelbar die volle Theorie Breitseite an »Was alles schief gehen kann« um die Ohren gehauen. Löste die damalige und langwierige »Bodenübung & Theorie Tortur« des automatischen Springens durch Leinenauslösung (wie z.B. eine Masse an Fallschirmjäger abgesetzt werden) als Vorbereitung auf den eigentlichen Freifall, bei jedem Teilnehmer nach vier Tagen eine eher »Leck mich – ich will endlich springen« Stimmung aus, führt die Theorie der AFF-Ausbildung am Boden schon nach Minuten zur hektischen Suche nach einem Kuscheltier um es an die Brust zu drücken.

Fallschirmspringen ist wohl eine der sichersten Sportarten der Welt. Auch weil jeder aktive Springer um die Gefahren weiß und penibel auf den korrekten Zustand seiner Ausrüstung achtet. Dreifache Kontrolle vor dem Absprung durch den Springer selbst und seine Mitspringer ist Routine und Pflicht zugleich. Aber für den Anfänger und den Wiedereinsteiger wie mich, wirkt das minimale Zeitfenster zur Problemlösung recht bedrohlich. Wenn irgendetwas nicht passt, beim Öffnen des Schirms, nach dem Öffnen des Schirms, steht einem nur eine kurze Zeitspanne zur Entscheidungsfindung zur Verfügung. Und beim Landeanflug gilt es ab einer Höhe von ca. 400 Metern: Du hast dich für einen Landeplan entschieden – also halt dich gefälligst dran. Wechsle ihn nicht!

In der AFF Ausbildung wird diese Entscheidungsfindung einem kompakt und hart ins Gehirn gebrannt. Kommst Du gerade aus dem Gurtzeugsimulator und genießt eine Tasse Kaffee, kommt einer Deiner Sprunglehrer auf Dich zu, lächelt und fragt freundlich: »Du hast gezogen, 1000, 2000, 3000 gezählt und um Dich herum hört es sich an wie ’ne Horde Schweine auf Speed. Was machst Du?« Beim ersten Mal sucht Dein Blick noch Dein Kuscheltier und Du gibst eine Antwort wie: »Nach meinem Schirm gucken?« Der Blick des Sprunglehrers wird etwas kühler: »Wenn sich dein Schirm über dir anhört wie eine Horde Schweine auf Speed, brauchst Du nicht mehr groß zu gucken. Geh’ Dein Notfall-Prozedere noch mal gedanklich durch.« Sprach’s und drückt Dir einen »Trennen und Reserve ziehen« Übungsgurt in die Hand.

Es macht in jedem Fall Sinn die in der Ausbildung vorgegebene Nacht zwischen Theorie I und Theorie II und eigentlichem Sprung zu haben. Und in meinem Fall ein echter Glücksgriff, da sich das Wetter von Samstag auf Sonntag von »Mistwetter« zu »perfekt zum skydiven« entwickelte. Und urplötzlich geht alles schnell. Der Sprungtermin steht, ich bin auf den zweiten Flieger nach der Mittagspause eingetragen. Noch ein paar letzte Trockenübungen und während Flug Nummer eins abhebt, wird das Gurtzeug angelegt. Beingurte zu locker, Brustgurt zu eng. Ist halt schon lange her. Heute trägt man Helm und selbst der Schirm wird vollkommen anders gepackt. Was identisch ist: Das Kribbeln beim Einstieg in den Flieger. Wobei Einstieg das falsche Wort ist. Eher ein Krabbeln – und fünf Springer und ein Pilot bringen schon viel Kuschelambiente in den beengten Raum der Chessna.

Meine Nervosität hält sich tatsächlich in Grenzen. Es macht sich eher Vorfreude in meinem Kopf breit. Wenigstens etwas was mir von damals erhalten geblieben ist. 3.500 Meter. Ich bekomme Funk unter meinen Helm. Dieser dient nicht für den Freifall sondern zur Einweisung in meinen Landeanflug durch Björn, einen meiner mich begleitenden Lehrer. »Zwei Minuten«. Es wird lebhaft in der Kabine. Unglaublich das jeder es schafft, trotz der Enge, sich in Position zu bringen. Mein zweiter Lehrer, Spitzname Asterix, kontrolliert nochmals mein Gurtzeug. Durchatmen!

Sekunden vor dem Exit. Die Tür der Kabine wird geöffnet. Kalter Fahrtwind und Lärm pressen mit Gewalt hinein. Springer eins und zwei halten sich nicht mit der Flügelstrebe auf. Sie werfen sich fast schon aus der Chessna. Nicht meine Level I Version. Meine Knie krabbeln Babygleich nach vorne und ich bekomme ein erstes OK von Asterix. Ich greife den Innengriff links und mit der rechten nach außen an die Flügelstrebe. Wie stark der Winddruck dort außen ist hatte ich wohl vergessen. Ich scheine fast eine Gehhilfe zu benötigen um mein rechtes Bein auf die Absprungplattform über dem rechten Rad zu bekommen. Laut Asterix, legte ich dann auch noch eine Gedenkminute ein, bis meine linke Hand ebenfalls die Flügelstrebe greift und mein linkes Bein folgt. Ich stehe mit langen Armen auf der Absprungplattform. Check-In Richtung Asterix der noch halb im Flieger sitzt. Er gibt mir seine Freigabe. Mein rechtes Bein löst sich von der Plattform, bereit zum Exit. Check-Out Richtung Björn der selbst nur noch mit einem Fuß am äußerten Rand der Plattform steht. Auch von ihm bekomme ich die Freigabe. Ein erster Fehler schleicht sich in meinen Ablauf. Ich Blicke nochmals zu Asterix und er guckt im Sinne »Und, wollen wir jetzt Fallschirmspringen oder nicht?« Mein linkes Bein drückt mich nach oben und geht wieder runter. Das eins, zwei und Los Zeichen für die beiden, damit unser Timing stimmt. Exit.

Erinnerungen überfallen mich. Es ist ein großartiges Gefühl. Leider habe ich nur Sekunden es zu genießen. Ich muss ein AFF-Programm durchspielen. Meine Freifallhaltung scheint gut zu sein und ich Blicke auf meinen Höhenmesser. Ich schreie 3.600 Meter nach links und bekomme den Daumen nach oben. OK. Ich schreie 3.600 Meter nach rechts und bekomme ein weiteres »Like it«. Läuft ja gut. Ich fange mit meinen Scheingriffen an. Der zweite wird von links korrigiert. Der dritte ist wieder ok. Ich gebe erneut meine Höhe durch. 2700 Meter. Von links bekomme ich kein »Like it« sondern zwei Finger gezeigt: Streck deine Beine durch. Mach ich und brülle meine Höhe nach rechts. Werde belohnt – Daumen ist oben. Mein Höhenmesser zeigt 2.500. Jetzt darf ich kurz nochmals genießen. Ich sehe Richtung Horizont, fühle die Luft und den Flug. Es ist toll und absolut einzigartig. Und so kurz.

Höhe 2.000. Ich gebe das »No more« an meine beiden Begleiter. Auch hier vermassle ich den Ablauf. Ich verbinde ungewollt das Einfache links und rechts drehen des Kopfes als »No more« Zeichen mit dem kurzen Überkreuzen meiner Arme. Letzteres bedeutet Abwinken: ich ziehe jetzt. Was mir Asterix aber erst am Boden grinsend auf’s Butterbrot schmiert, da ich es gar nicht bemerke. Von 2.000 bis 1.700 nur noch den Höhenmesser im Auge behalten. 1.700 Abwinken. Ich überkreuze nochmals die Arme, diesmal auf der richtigen Höhenposition. Meine rechte geht nach hinten zum Ballgriff des auslösenden Hilfsschirm. Ich scheine eine kleine Ewigkeit zu brauchen. Ich spüre Björns Hand die meine in Position bringt. Ich gebe meinen Hilfsschirm frei.

Sekunden später ist alles ruhig. Das erste Anzeichen dafür, dass alles ok ist. Trotzdem: meine Leinen sind leicht verdreht. Zeichen dafür, dass meine Flughaltung während der Schirmöffnung doch nicht perfekt war. Einfach zu lösen mit auseinander ziehen. Der Slider (für das gleichförmige Öffnen des Schirms zuständig) gleitet herab. Jetzt ist alles perfekt. Ich löse die Steuerleinen. Ziehe links, drehe mich links. Ziehe rechts, drehe mich rechts. Ich flare kurz voll durch (beidseitiges ziehen zum abbremsen des Schirmes). Alles funktioniert – wie damals – und Schülerschirme sind immer noch die Ford Transits der Lüfte. Verdammt träge. 1.400 Meter. Ich orientiere mich. Kurz muss ich die Landzone suchen. Sie ist hinter mir. Also 180 Grad Drehung. Hübsch da oben. Ich mochte die Fahrt am Schirm schon früher. Das erste Adrenalin ist vorbei und man kommt etwas zur Ruhe. Doch heute nur kurz. Mein Ford Transit will sich nicht so richtig auf die Landezone zu bewegen. Sie ist in Boxberg Unterschlüpf nicht gerade klein. Trotzdem lässt der Anblick von dem »Wäldchen und Gestrüpp Allerlei« um die Landezone, welches vom Boden wie Kilometer weit entfernt aussieht, meinen Herzschlag etwas schneller werden.

Bei 900 Metern knackt es im Funk. Björn ist zu hören. »Beweg Dich gerade auf die Landezone zu, du hast da oben viel Gegenwind.« Ok, das habe ich auch schon bemerkt. Aber es ist ein beruhigendes Gefühl von ihm eingewiesen zu werden und mein Schirm arbeitet sich keuchend aber stetig nach vorne. Auf 300 Metern biege ich in die Landezone ein. Bei 100 Metern befinde ich mit Mitte der lang gestreckten Landezone. Eigentlich perfekt. Nur mir fehlt jedes Gefühl für den richtigen Zeitpunkt zum flaren, abbremsen. Keinerlei Flashbacks von 64 Ladungen, die mir als Hilfe dienen könnte, finden ihren Weg in meine Erinnerung. Mein Transit entwickelt in Bodennähe scheinbar sportliche Gene. Und ich komme meiner Ansicht nach, zu zügig rein. Ich flare, ziehe beide Steuerleinen. Björn gibt mir über Funk sein Missfallen kund: »Lass das. Arme hoch!« Mach ich Björn. Der Schirm nimmt wieder Vorwärtsfahrt auf. Der Boden will mir entgegen springen. Ich entscheide mich wieder zu flaren, und wieder zu früh. Wird mir dann auch sofort klar. Meine Beine gehen nach oben, ich schlittere über das Gras und wenn es für Hosenbodenlandungen Punkte gäbe, würde ich eine 10 bekommen.

Ich höre über Funk nur ein lakonisches »Zu früh, hättest mal darauf gewartet bis ich dir sage zu flaren.« Ich bin unsauber aber sicher gelandet. In der Landzone. Nach all den Jahren. Für mich war es heute der perfekte Sprung. Im De-Briefing bekomme ich einiges an Kritik und auch einiges an Lob zu hören. Mein mit Adrenalin voll gepumpter Körper kommt mit beidem gut klar. Danach spreche ich mit Alex. Er sticht mit einer imaginären Spritze in seinen Unterarm. Ich kann nur zustimmend nicken: »Ja Alex, ich bin wieder angefixt, denn dort oben gibt es Sekunden, die findest Du sonst nirgends.«

Der hier beschriebene AFF-Schnuppersprung bei »skytandem.de« ist eine perfekte und sichere Möglichkeit festzustellen ob »Skydiving« die Sportart ist, nach der man immer schon gesucht hat. Die beiden begleitenden Sprunglehrer sind erfahrene Skydiver, mit einer AFF-Lehrer-Lizenz, die während dem Freifall an einem hängen wie Kletten. Selbst wenn man, trotz guter Vorbereitung, den größten Blödsinn dort oben baut, haben die beiden die Kontrolle über den Schüler. Und als letztes Notfallinstrument gibt es immer noch den Öffnungsautomat der, sollte der Schüler/Springer selbst nicht mehr dazu in der Lage sein, den Schirm automatisch öffnet. Kontakt: Alexander Bösel - www.skytandem.de