Dass sich die Husky für den knackigen Sonntagmorgen-Ritt auf der Hausstrecke bestens eignet, ist klar. Nun hat sie sogar ihre Tauglichkeit als Tourenmaschine bewiesen. (MO)

Eine simple Wahrheit ist: Husqvarna Fahrer und Fahrerinnen sind die coolsten. Eine zweite: Husqvarna fährt man in den schwedischen Nationalfarben: Gelb, Blau und Weiß. Soviel Wahrheit ruft natürlich unweigerlich Neider auf den Plan, welche gerne das Wort „Gartengerät“ vor einen auf den Asphalt werfen. Spätestens nach einem Tag auf einer 701 hat man aber Blick, Gestik und Stimmlage drauf, um schmaläugig und in bester Italo-Western-Tradition zu zitieren: „Texas Chainsaw Massacre. Weiß’te Bescheid, nicht?“

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Manch einer, der die Marke richtig buchstabieren kann, kommt dann mit KTM, welche die Motoren bauen und zu deren AG Husqvarna seit 2013 gehört. Von oben herab – und Husqvarna Fahrer/innen sprechen immer von oben herab – vollkommen egal ob sie dafür zwei bis drei Bierkisten benötigen, lautet die Antwort: „Einzylinder-Wheelie-Bestie, 74 Pferde, 145 Kilogramm fahrbereit, frisst Teddybären.“ Die fantastische „Adler Power Torque Clutch“ (APTC – Anti Hopping-Kuppplung) und das abschaltbare ABS lässt man unerwähnt und bringt dafür den finalen, verbalen Uppercut: „Keine Weicheier-Elektronik am Hinterrad. Noch selbst am Quirl drehen. Kein Fett, viel Hirn!“ Runter von der Bierkiste, umdrehen, Richtung Sonnenuntergang abdüsen.

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Und keine Sorge wegen des arroganten Auftritts. Supermoto-Fahrer kann eh keiner leiden. Sie sind die Moskitos der Motorradwelt. Ihre technischen Daten taugen für keinen Stammtisch, man mag sie nicht wirklich Ernst nehmen. Aber insgeheim herrscht dort immer diese heimliche Angst vor dem gewissen Tag: Man nennt 180 plus X Pferdchen sein eigen, hat immer brav Renntrainings gebucht, 20 Serpentinen liegen vor einem und plötzlich bricht dieser bösartige Lichtfleck aus dem dunklen Waldrand hervor. Und mit gestrecktem Bein, ausgefahren zum ultimativen Strich, wird nach der Blutgruppe gefragt.

Supermoto-Fahrer wirken arrogant, sind unbeliebt. Doch insgeheim haben Superbiker Angst vor ihnen. (MO)

Die Idee mit der 701 nach Monza zu „The Reunion“ zu fahren, hat mir mitleidige wie auch hämische Blicke eingebracht. Hin und zurück 1548 Kilometer. Rückfahrt am Stück (in Stein gemeißelter Rückgabetermin). 13 Liter Tankinhalt, schmale Sitzbank, Tankstutzen hinten und unter dem Gepäck, und, on the top: vibrierender Einzylinder. Kann nicht gut gehen.

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Stimmt, es war eine meiner grausamsten Touren. Vollsperrung einer Passstrecke, sintflutartige Regenfälle am Idro, Freitagabend-Verkehr Mailand, Berufsverkehr Como, LKWs, die sich zu einer zweiten Vollsperrung ineinander verhakt hatten – und, nicht zu vergessen, die berüchtigte Führerschein-Todeszone des Drei-Länder-Eck, markiert von den Städten Chur, Feldkirch und Lindau. Eine Frage wird dabei beantwortet: Wie weit kommt dieser moderne Euro-4-Einzylinder mit 13 Litern Tankinhalt unter den langweiligsten aller Zweirad-Bedingungen? 370 Kilometer! Durchschnittsverbrauch 3,5 Liter. Ist natürlich ein rein theoretischer Wert, da die meisten Fahrer vorher abspringen und sich in einen See werfen würden.

Ihr Verbrauch liegt bei Reitschul-gerechter Fahrweise immer um die 6 Liter. Nach etwa 180 Kilometer sollten die ersten Sorgenfalten auftauchen, wenn es denn wieder um das italienische EC-Kartenglücksspiel an der Self-Service Zapfsäule geht.

Die Wahrheit aller Wahrheiten ist: Die Husqvarna 701 sieht aus wie ein Vollblutbiest, fährt und kann brüllen wie ein Vollblutbiest, ist aber so gut erzogen wie ein Lipizzaner der Spanischen Hofreitschule von Wien. Wer mutig genug ist, seinen Bremspunkt wirklich weit nach hinten zu versetzen und Schräglage als geringster Abstand von Lenkerende zu Asphalt neu definiert, wird ein glücklicher Mensch. ABS, APTC, voll einstellbares WP Fahrwerk und sanft zutretende 74 Lipizzaner am Hinterrad sind eine furchterregende Kombination – für alle anderen. Für den Fahrer ist es Wolke 701 mit 71 Nm Biss, welche einen die Rolle des arroganten wie verrückten Supermoto-Outlaws ohne Reue voll ausleben lässt, inklusive Teenager-Applaus eines ganzen italienischen Schulbusses beim Überholen.

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Die 701 ist funktionierende Technik. Sie kann auf der Autobahn mit 190 Sachen Strecke machen, ist dabei nicht unbequemer als ein Standard-Naked-Bike, und wenn es „Eau Rouge“ geht, liegt sie für eine Supermoto wunderbar stabil. Ihren Teil zu dieser Fahrdynamik tragen die serienmäßig montierten Continental ContiAttack Supermoto bei, welche mit ihrem markanten Profil-wird-überbewertet-Design sogar auf Unterwasserfahrt taugen. Vibrationen? Fast nicht vorhanden: zwei Ausgleichswellen und ein Motor, der in Watte gelagert ist. Er liefert sicher zu dirigierenden Punch aus jeder Schräglage und ist ein modernes Ride-by-Wire Gasgriff-Gedicht. Auf den Ölstand sollte man allerdings immer ein gutes Auge haben. 1,7 Liter Füllmenge sind nicht viel, und auch für dieses Kraftwerk in der Tradition aller Einzylinder gilt: Es möchte geschmiert werden.

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Resümee: Die 701 ist nicht gebaut für die große Tour, kann diese aber überraschend gut und macht ihren Fahrer zum Helden. Einteiler bevorzugt. Kein Cape notwendig.

Steven Flier – Motorradenthusiast
(Lektorat WMR – MO)

Persönlicher Nachtrag zur Tourentauglichkeit der 701:
Für die Reise wie auch den Kurztrip in die Stadt unbedingt empfehlenswert: Das Husqvarna Herren-Handtäschchen – Soft-Topcase – aus dem Werkszubehör, und angebaute Soziusfußrasten. In ersteres passt alles an schnell benötigtem Kleinkram und die Rasten sind notwendig um eine Reisetasche sicher verspannen zu können. Mit etwas Erfahrung „strapst“ man sein Gepäck auch so geschickt, dass man nur mit Abbau vom Handtäschchen (ein Zug, ein Klick), an den Tankeinfüllstutzen im Heck kommt.

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Und ein AAA – anhalten, abstellen, absteigen – Problem hat Bergziege 701 wenn sie denn vollbepackt auf Tour geht: ein Ständerproblem, selig an die Ur-DR600 von Suzuki erinnernd. Wenn man mit Gepäck unterwegs ist und nicht einfach von der Sitzbank runterhüpfen kann, ist der Ständer deutlich zu lang. Ja, lacht, macht eure Kleine-Blauen-Pillen-Witze, aber nur mit hohem Kraftaufwand und viel Gleichgewichtssinn kann der linke Fuß ihn einklappen – und glaubt man gerade es geschafft zu haben, hakt sich Long-Dong-Sweden nochmals im Boden fest. Dann steht man da, je nach Schräge des Untergrunds, am Kipppunkt und auf Zehenspitzen balancierend sowie unflätig in den Helm brüllend, dass nicht die Größe sondern die Technik zählt.

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