Ultrakurz, aggressiv und brachial. Die Yamaha MT-10 war mit Designer Steven Flier im Schwarzwald unterwegs und hinterließ bleibende Eindrücke. (MO)

Karfreitag. Früher Morgen. Alles um mich herum ist grau. Auch die Yamaha MT-10. „Night Fluo“ nennt es sich. Sie guckt sehr, sehr böse und strahlt an den Felgen kaltes Neongelb. Alles an ihr ist spitz und stachelig. Der lebendig gewordene genetische Code einer Urzeit-Hornisse, welche es auf den kalten Asphalt einer Osterausfahrt geschafft hat. Würde die Umbrella Corporation ein Motorrad bauen, es wäre dieses.

Ich stehe im Einteiler vor ihr. Sie scheint beeindruckt. Gestern, bei der Abholung mit Jethelm und Jeans, hatten wir beiden keinen guten Start. Sie hat mit ihren spitzen Seitenteilen gebissen und sich im Last-Minute-Ostereinkauf-Verkehr so nervös benommen wie ein Rehpinscher auf Speed. Kein Wunder, mit ihrem ultrakurzen Radstand von 1400 Millimetern in Verbindung mit einem Lenkkopfwinkel von 66 Grad ist die MT-10 so kompakt, dass sie sich schon im Stand ins Hinterrad beißen will. Heute also der volle, korrekte Kampfdress, und es hat etwas von „Fifty Shades of Yamaha Night Fluo“ als ich glaube, in ihrem ersten Schnauben nach dem Anlassen, ein „Hallo Sklave“ zu hören.

Yamaha MT-10 - Motorrad Magazin MO Nr. 6/2017

Überhaupt, schnauben und röhren. Das ist ihr Ding. Etwas am Gas drehen und man befindet sich in Begleitung eines halbstarken Grizzly. Mehr am Gas drehen und dem Umfeld wird deutlich gemacht, dass es nur eine Anwärterin auf den Honigtopf gibt.

Der Asphalt bleibt kalt, das Wetter traurig und bedeckt. Ich belasse den Fahrmodus auf „Standard“ und die Traktionskontrolle auf „TC 1“ – die Stufe mit der geringsten Regelung. Standard hört sich langweilig an, TC 1 mutig, da danach nur noch „Off“ folgt.

Stimmt beides nicht. Die MT-10 sprintet im Standard voran wie obiger Grizzly, plus vier Nachzünder auf dem Rücken, erkennbar am immer wieder leichten Heben des Vorderrads, plus das obligatorische Gummiband: Sie hört einfach nicht auf zu sprinten. Einzig der Schaltblitz holt mich immer wieder kurzzeitig aus meinem Kopfkino von „Alter, wie krass ist das denn?“ und fordert: „Tu was, arbeite, häng nicht einfach über dem Lenker wie ein Affe, der gerade in den Weltraum geschossen wird.“

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Tun sollte man wirklich etwas, da der Schwarzwald ja eher aus Kurven besteht und TC 1 sich bei kaltem Asphalt, in Verbindung mit Grizzly plus Nachzündern, nicht nach der besten Wahl anhört.

300 Kilometer später fummle ich umständlich und mit klammen Fingern den Zündschlüssel unter dem über das Cockpit gespannten, fetten Bremsschlauch hervor, finde Wärme bei einem Pot Kaffee und frage mich ernsthaft: Kann die MT-10 überhaupt umfallen?

Yamaha MT-10 - Motorrad Magazin MO Nr. 6/2017

Die Traktionskontrolle greift und arbeitet. Hin und wieder bekommt man das als Fahrer zwar mit, aber es tritt schon nach kurzer Zeit dieser Harmonie-liegt-im-Vergessen-Effekt ein: „Ich habe TC 1, der Rest interessiert nicht – also Gas auf.“ Der Highsider ist ein Monster aus der Urzeit, als man mit dem Motorrad noch vor Säbelzahntigern flüchtete.
In der Kurve verzockt, verbremst, viel zu spät reagiert? Das spät eingreifende ABS und das Fahrwerk retten dein mieses Doppelpärchen auf dem River und zaubern Dir ein strahlendes Full House auf den Asphalt. Einzige Regel: Immer schön Druck am Gas halten, sonst meldet sich obiger Rehpinscher zurück.

Yamaha MT-10 - Motorrad Magazin MO Nr. 6/2017

Ich war furchtbar schnell mit der MT-10 am Ziel. Wo immer dieses hinter welcher Kurve auch lag – ich hatte richtig Freude und fühlte mich unglaublich sicher dabei. Was natürlich auch Einbildung ist. Unglaublich sicher ist die MT-10 als geschlossenes System. Aber da draußen gibt es vieles, was unverhofft und auch sehr unglücklich in dieses geschlossene System eingreifen kann.
Darüber kann man sicherlich trefflich diskutieren. Muss ich heute aber nicht. Ich steige wieder auf und freue mich über diesen sehr bedeckten, sehr kühlen, sehr grauen Tag in meinem schwarzen Einteiler. Denn vor mir liegen noch 150 Kilometer, gespickt mit Kurven und mit deutlich weniger Feiertags-Verkehr als zu erwarten war.

Wenn es ein Motorrad für diese dunklen, kalten Tage der Dämmerung gibt, an welchem viele andere doch lieber zuhause bleiben und kuscheln, dann ist es die Yamaha MT-10. Welcome to the Umbrella Cooperation. Welcome to the Dark Side.

Steven Flier – Motorradenthusiast

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Die MT-10 bietet einen unglaublichen Erlebniswert dank rauem Sound, kurzem Radstand und bitterböser Optik. 160 quicklebendige PS schleudern den durstigen Ableger der Rennsemmel YZF-R1 perfekt über die Landstraße. (MO)

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