In der Februar Ausgabe 2011 der MOTALIA (dem Magazin für Freunde italienischer Motorräder) wurde mein Fahrbericht über die CR&S VUN veröffentlicht. Die VUN wurde mir von Thiel-Motorsport für vier schöne Tage zum freie Hetzen über Landstrassen zur Verfügung gestellt. Hier jetzt mein Fahrbericht über diese kleine und doch sehr biestige Italienerin mit dem deutschen Einzylinder-Herz. Viel Spaß beim lesen!

Der Rotax bellt und brüllt gleichzeitig kurz vor dem Scheitelpunkt der Kurve. Das blaue LED-Band in der Aviacomposti Instrumenteneinheit welches die Drehzahl anzeigen soll, hüpft aufgeregt wie ein Welpe in den unteren Augenwinkeln. Ein Gang geht noch. Der fünfte wird hochgekickt und rein in den Scheitelpunkt wie ein Satellit auf Droge. Das Hinterrad fängt an eine Liniendiskussion zu führen. Auch das Vorderrad fühlt sich an als würde es eine eigene Meinung dazu vertreten wollen. Im Kurzhubgasgriff ist noch etwas Luft nach oben. Muss. Denn die kommende Gerade wird sich ein paar Meter ziehen.

Es geht immer um Gewicht. Wenig Gewicht, bei vielen Pferdchen. Die fast schon religiöse Formel am sportlichen Motorrad-Stammtisch. Am besten noch mehr Pferdchen und weil es dann so viele sind, gleich ABS, Traktionskontrolle, Rain-Sport-Track-Modus und weitere Kleinigkeiten dazu – denn festen Glauben kann man nie genug haben, besonders wenn es um Physik geht. Viele Pferdchen, bei sportlich wenig Gewicht, bei gefühlten »verdammt-schräg« Grad Schräglage – da ist viel Physik drin und noch mehr Glaube an: »Das kann ich!« Und ganz leise: »Ich und meine Elektronik«. Modernes, möglicherweise auch schnelles, sicheres Motorradfahren.

Jetzt Vollgas? Das Hinterrad würde die interne Diskussion beenden. Das Vorderrad sich anschließen. Es würde Einigkeit im Fahrwerk herrschen, dass die kommende Gerade einen guten Punch aus der Ecke benötigt und den bekommt man aus der Körperdrehung, eingeleitet mit einem Slide über beide Räder. Hängt jetzt alles nur davon ab ob der Fahrer dazu auch die Nerven hat. Wenn nicht wird er das Gas wieder ein, zwei Millimeter zu machen, der Rotax sich angewidert schütteln, ihm die Motorbremse ins Visier knallen und die kommende Gerade wird zu einer kleinen Ewigkeit. Wenn ja, werden die Pirelli Dragon Supercorsa auf den 5-Speichen BST Carbon Rädern, nach den ganz eigenen physikalischen Gesetzen der Ingenieure von CR&S und eines Woody Woodpecker, Grip aufbauen und sich und den Fahrer in die Umlaufbahn der nächsten Kurvenkonstellation werfen.

Mistostretto. Italienisch für: Ein Motorrad, das für Strecken geschaffen wurde, die durch einen kontinuierlichen Wechsel von schnellen Kurven und Steigungen geprägt sind. Für den Spaß am Motorradfahren. Das ist die höfliche, vollmundige Umschreibung von knapp 140 kg Gewicht, 650 ccm in handverschweißtem Gitterrohrrahmen, Ceriani Racing Telegabel, Öhlins Racing Federbein und Brembo Racing Bremsanlage. Die andere lautet: »Bite and kick asses« – wenn du nicht nur glaubst sondern mutig genug bist es zu wissen.

So kurvenfreudig und nach Amaretto schmeckend sich der Begriff Mistostretto auch anhört und so aufregend leicht sich das Datenblatt einer VUN liest, dem Entwicklungsteam von CR&S stand es nie im Sinn mit ihrer VUN ein einfach zu fahrendes Motorrad zu bauen. Noch weniger, sie dem europäischen und besonders dem deutschen Geschmack und Standard-Fahrkönnen anzubiedern. Eine florierende italienische Edelschmiede, noch dazu aus Mailand, hat dies nicht nötig. Sie ist nicht Prêt-à-porter sondern Haute Couture. Basta.

Das Konzept der VUN erschließt sich nicht dadurch, dass man aufsteigt und Genuss findet. Im Gegenteil. Am Anfang schlägt die VUN ihrem unkundigen Fahrer gnadenlos jeden Fehler, schlimmer, seine Mutlosigkeit ins Gesicht. Nein, sie wirft dich nicht aus der Kurve, verbaut keine Notausgänge, zickt nicht wenn es eng wird. Dafür ist jedes Bauteil an ihr viel zu gut und erfüllt seinen Zweck optimal. Jeder Anfänger kann sie mit Freude von A nach B fahren. Doch sie zeigt dir, was für ein Langweiler und Luschi du bist. Und sie zeigt es dir hart.

Der Rotax Bombadier, damals in der BMW 650 F ein Schäfchen, haut dir in jeder Ecke wie ein Preisboxer in die Nieren weil du wieder feige die Deckung hochgezogen, vom Gas gegangen bist. Er schüttelt alles was er hat, brüllt dir dabei ins Ohr wie Tyson kurz vor dem Beißanfall und gibt jede Millimeterbewegung der Gashand, auch die in die falsche Richtung, also zu, direkt ans Hinterrad weiter. Ruckdämpfer? Zwei verbaute Gummilippen, die das Alu der Nabe schützen sollen und nichts mit sanfter Kraftübertragung und deinem Wohlfühlfaktor am Hut haben. Die Linie passt jetzt sowieso nicht mehr. Alles was du machst, und wenn du nur den Kopf etwas mehr Richtung Kurveninnerstes neigst, wird direkt auf das Fahrwerk übertragen. Nervöses Fahrverhalten? Wie viel wiegen 140 kg in der Fahrdynamik einer Kurve? Genau: Gefühlte Null. Die üblichen 190 kg sind Fettärsche, ein Universum vom Gewicht einer VUN entfernt, die auf jede noch so kleine Bewegung reagiert. Nicht die VUN ist nervös, du bist der Hampelmann.

Gebremst haben wir auch noch, mit einem Finger – und jetzt? Die Kurve ist eigentlich noch zehn Meter entfernt und der Rotax möchte dir noch mehr Ohrfeigen für deine Fehleinschätzung klatschen, und ihn zwingst wie einen Lanz Bulldog auf die Kurve zustottern zu müssen. Warum hast du überhaupt gebremst und nicht hochgeschaltet? Wirklich blöd, dass du vom Motorradfahren keine Ahnung hast.

An dieser Stelle hört es für die meisten auf. Zu erschüttert würde sonst das eigene Ego und der feste Glaube daran obige viele, viele Pferdchen zu beherrschen und das man es kann. Ja, sie sieht toll aus mit ihrem Carbon Heck, ihrem Racingkühler und dem individuellen Lack & Alu Finish. Alles ist sauber verlegt und jedes Einzelteil an ihr würde sich gut in einer Vitrine machen. Ein Traum in Design, Mechanik und poliertem Metall.

Aber auf der Strasse? Dieser rauhe Motor, das übernervöse Fahrwerk und erst diese Härte. Damit macht man keine Punkte im heimlich im Kopf festgesetzten Standard- und Highspeed- Prêt-à-porter Laufsteg deutscher Motorradfahrer. Dabei haben wir vom absoluten Stammtisch-Out-Kriterium noch gar nicht gesprochen: 54 PS im Serientrimm. Wie hier gefahren. Lässt sich zwar Leistungssteigern auf knapp 74 PS, doch dann ist der Motor noch rabiater und eine Zulassung nur noch halbseiden zu erreichen. Das ist doch kein Match gegen die etwas angepasste Glaubensformel: Nicht ganz so wenig Gewicht und viele Pferdchen? Die Entwicklungsabteilung von CR&S würde nur lachen und auf das feige Zucken deiner Gashand vor den meisten Kurven verweisen. Mehr Pferde? Für dich? Wozu?

Die VUN ist klassische italienische Motorradschule mit modernsten Leichtbau-Zutaten und Fahrwerkskomponenten. Diese helfen Punkt A und B der Kurve zu verbinden. Wie gut und schnell dies allerdings geschieht liegt im Verständnis und Mut des Fahrers. Reift die Erkenntnis, dass alles, wirklich alles was er macht, Auswirkungen auf ihr Fahrverhalten hat und sofortige Reaktionen bei ihr auslöst, befindet er sich auf dem richtigen Weg. Nur weil man ein Motorrad fahren kann, bedeutet dies noch lange nicht, dass man eine VUN richtig fahren kann. Es ist wie beim entwickeln einer eigenen Rennmaschine. Denn etwas anderes ist die VUN nicht. Man lernt jeden Tag ein Stückchen mehr – und irgendwann passt es, kommt der pure Genuss. Nicht am Tage der Probefahrt, nicht nach einem Wochenende. Hier fällt nur die Entscheidung sich auf sie einzulassen. Nach einer Saison über Landstrassen, Alpenpässe und kleine, versteckte Rennstrecken die nicht mit dem Lineal sondern mit dem Korkenzieher gezeichnet wurden, kommt der Genuss und das Wissen um die eigenen, neu entdeckten Fähigkeiten.

Zum Ende dann, wie in jedem Sport, der Mut. Der Mut das Gas stehen zu lassen, den Bremspunkt jenseits von dem zu wählen was einem noch glaubhaft möglich erscheint und sich auf das Spiel der Ingenieure von CR&S einzulassen. Die lachen dann immer noch, geben aber Applaus dazu. Du hast es begriffen. Es ist immer noch Physik. Immer noch Kraftübertragung und Haftreibung. Verschoben auf den letzten schmalen Grat den der Pferdestarke Gläubige meist ängstlich vermeidet, oft verteufelt und der Wissende genießt. Im Bewusstsein, dass sich seine VUN dort, und nur dort wirklich zu Hause fühlt.

Epilog:

VUN ist Mailänder Dialekt und steht für »Eins«. Ein Zylinder, ein Fahrer. Ich hatte Oliver Thiels »Eine«, von Thiel Motorsport aus Heilbronn-Biberach, eigene VUN für vier Tage zur Verfügung gestellt bekommen. Mit den freundlichen Worten, bevor ich seine Hofausfahrt verließ: Bleib einfach auf dem Gas.

Ich habe gelernt mit ihr umzugehen. Bin oft am Gas geblieben und habe doch noch oft genug gezuckt. Sie zu begreifen, dafür war die Zeit zu kurz. Eine VUN ist keine kurze Liaison sondern eine lange Geschichte zwischen ihr und ihrem Fahrer mit tausenden handgeschriebener Zeilen über Eindrücke von sofortiger Aktion und Reaktion in jedem Fahrzustand. Erfahrung – so das Konzept. Das Konzept eines reinrassigen Rennsportfahrzeugs bei dem man sich am Anfang überfordert fühlen kann und ihr im freundlichsten Fall einen typischen italienischen Diva-Charakter andichtet. Das ist sie nicht. Sie benötigt keine Stunden an Schrauberarbeiten nach ein paar Kilometern Fahrt und alles an ihr funktioniert perfekt um A und B im zweirädrigen Idealzustand zu verbinden. Damit ist sie mit eines der modernsten und zeitlosesten Motorräder welches man finden kann.

Sie ist, wie im Text beschrieben mit allen Racing-Extras aufgebaut. Eine VUN in der Grundversion kostet 14.101,50 Euro. Aber eigentlich gibt es keine zugelassenen VUNs in der Grundversion. Wer eine sein eigen nennt, hat diese auf sich zuschneidern lassen. Von den Fahrwerkskomponenten bis zum Design. Dabei kann es etwas mehr in Richtung Komfort gehen, was eher selten ist, oder in Richtung Rennsport. Oliver Thiels VUN ist Rennsport pur für die Landstrasse. Kostenpunkt 23.749,75 Euro.

Viel Geld für wenig Motorrad? Oliver Thiel muss bei dieser eher deutschen Feststellung von Interessierten immer Lächeln und mit den Schultern zucken. Er kann diese Frage nicht beantworten, denn die Antwort liegt am Ende obiger langer Geschichte. Und wer liest schon den Schluss zuerst?

Steven Flier
Designer & Motorradenthusiast

::: Sexy Vun-Girl – by Steven Flier, für Thiel Motorsport und CR&S Mailand

::: Thiel Motorsport VUN-PPP – Eye Candy Design by Steven Flier (Virtual Tuning)

::: www.thiel-motorsport.de – Offizieller CR&S, Morini, Norton & Beta Händler