Seele des Bösen

Ein Essay über den ewigen Kampf des Bösen mit dem Guten: Der Polizei und ihren Laserpistolen, den wahrheitsliebenden Boulevard-Medien, den fernsehgerechten Fahrern von Glitzer-Gixxern, den Westentaschen-Verkehrs-Psychologen u. v. a. Ein Kampf, den das Böse einfach nicht gewinnen kann. Armes Böses …

Sportliches Motorradfahren ist ein Scheiß-Hobby. Im Laufe einer durchschnittlichen Saison bekommt man immer mehr Ärger an den Hals, und nach Ablauf des Frühjahrs treten die Anzeichen von Verfolgungswahn immer deutlicher zu Tage. Erkennbar an einer erhöhten Zwinker-Frequenz im linken Auge und dumpfem Titinus-Sirenengeheule im Zwischenohr. Spätestens im Sommer, gesellt sich ein gut eingeschenkter Schuss Schizophrenie beim abendlichen Blick in den Spiegel dazu.

Sind meine Augen wirklich so schmal und hängen mir nicht gerade blutige Fleischfetzen aus dem Maul? Ah – nur Zahnfleischbluten. Die Pupillen weiten sich wieder und die gelbliche Farbe der Augäpfel geht zurück ins Weiß. Auch meine Fingernägel schrumpfen zurück von Velociraptoren-Optik auf Normalmaß. Puhh – Da habe ich aber noch mal Schwein gehabt.

Nicht das ich wirklich glaube ein Monster zu sein. Doch im Fortschreiten einer Motorradsaison erkenne ich immer mehr Wesenszüge an mir, die mich durchaus dazu qualifizieren, einen der beiden Hauptprotagonisten eines »Jeffery Deaver*« Thrillers zu verkörpern. Nein, nicht den braven und mutigen Cop. Ich rede von dem anderen Kerl.

Dem, der sich beim Bäcker freundlich in der Warteschlange anstellt, lächelnd bezahlt, sein Käsebrötchen auf der Parkbank verdrückt und danach meucheln und morden geht.

Nein, wirklich, ich meuchle und morde nicht. Im Laufe meiner öffentlichen Zweirad-Karriere habe ich aber gewisse Talente und Strategien entwickelt, die in ihrer Summe, den Vergleich mit dem Profil eines typischen Deaver-Schurken nicht zu scheuen brauchen.

Ich beobachte und analysiere Situationen auf der Straße mit dem Vorsatz, die Vorteile und Möglichkeiten zu nutzen, die das Fahren eines sportlichen Motorrades mir bieten. Vorteile und Möglichkeiten, die die Wahrscheinlichkeit im Potential erhöhen, irgendwann die volle Breitseite des Gesetzes zu erleben. Denn all diese Möglichkeiten und Vorteile sind mir, laut Gesetz, verboten. Streng verboten. Mache ich dies mit obigen »Vorsatz«, also mit dem Wissen über den Gesetzesbruch, ist das Ende der Fahnenstange schnell erreicht.

Vorsatz. Ein kleines Wort, welches mich katapultartig in den Status eines zu jagenden Kriminellen befördert. Warum ich das mache? Ich fahre ein sportliches Motorrad – und das kann ich gut.

Diese Überheblichkeit des Schurken ist zwingend, um jedem Leser eines modernen Thrillers deutlich darauf hinzuweisen, dass hier eine Person am Werk ist, die sich über die Grenzen der gesellschaftlichen Norm hinaus bewegt und damit, im weiteren Verlauf der Geschichte, eine immer größer werdende Bedrohung darstellt. Der Autor wird belohnt mit dem Wissen um das wohlige Erschauern des Lesers beim Blick in das Innere des Bösen, welches ihm hier eröffnet wird, und mit einer Gewinnbeteiligung an der Millionenauflage.

Überheblichkeit. Neben dem dunklen Keller und der in einen Duschvorhang gewickelten Leiche, eines der wichtigsten Merkmale für einen fähigen Mistkerl. Denn nichts lässt den Pfui-Finger der Gesellschaft so schnell auf einen zielen, wie die freimütig vorgetragene Aussage: »Ich kann gut mit einem Kraftfahrzeug umgehen.«

Bezeichnungen wie Raser finden schnell geflügelte Kameraden, die sich mit dem Sexualleben und dem wahrscheinlichen Einsatz von Viagra befassen. Ab hier ist es nicht mehr weit zu der allgemein gültigen These, dass die Leistungsstärke eines Fahrzeuges in Proportion zur, nicht vorhandenen, Länge des Penis des Fahrzeugführers steht und seiner, ebenfalls nicht vorhandenen, Kompetenz diesen trickreich bewegen zu können.

»Sie halten sich wohl für Michael Schumacher!« waren vor ein paar Jahren die ersten Worte, nachdem ich doch etwas auffällig geworden und von einer zivilen Streife gestoppt worden war. Ich war zügig und vorsätzlich an eine rote Ampel vorgefahren, mit dem Wissen, dass diese in den nächsten Sekunden umschalten würde. Meine Antwort war ein klares »Nein – Michael Schumacher ist Formel 1 Weltmeister und nicht Motorrad-Weltmeister.« Ich konnte in dieser wahrheitsgemäß vorgetragenen Aussage nichts Falsches erkennen, hatte diese aber scheinbar mit der typischen Überheblichkeit des sportlichen Zweiradfahrers zu vier Rädern getroffen. Vielleicht war mein Marke und Waffe tragender Gesprächspartner aber auch nur ein eingefleischter Ferraristi.

»Ach, dann sind sie ein Motorrad-Weltmeister?« Gerne hätte ich diese Frage bejaht, besann mich aber auf die erste Bürgerpflicht beim Umgang mit dem Gesetz: nahe an der Wahrheit bleiben. »Nein. Aber die Nordschleife fahre ich in knapp 10 Minuten.« Diese Aussage war nun sicher nicht weltbewegend, da es zig Leute gibt die in dieser Zeit Kreise um mich fahren und nebenher noch MP3s downloaden können. Für das uniformierte Duo vor mir, war es aber ein willkommener Anlass, mich in ihre monatliche, interne Strichliste von »einkassierten Psychopathen« aufzunehmen und mir ihr, milde ausgedrückt, marginales technisches Wissen um Motorräder, mit Hilfe meines Fahrzeugscheines zu verdeutlichen. Kurz: Sie besorgten es mir gute 30 Minuten am Straßenrand und es machte den beiden sichtlich Spaß.

Für einen Teil der exekutiven Staatsgewalt ist die Anhäufung von sportlichen Motorradfahrern ähnlich den wahr gewordenen feuchten Träumen eines älteren  Tschechei-Touristen, beim Anblick des 50 km Straßenstrichs Richtung Prag. Süße kleine Dinger, die es nicht anders verdienen und denen noch was Gutes willfährt wenn sie das Röckchen heben müssen. Man nimmt sie her und hilft ihnen damit sogar noch über die Runden zu kommen. Alles nur zum Besten dieser armen, vom rechten Weg abgekommenen Seelchen. In missionarischem Eifer öffnen sich die Türen der oberen Mittelklasse-Limousine aus Schwaben und fragen …

»Sie wissen warum wir sie angehalten haben?« Der Klassiker der Exekutive-Standard-Rhetorik à la ‚Was soll’s denn heut koschte, Mädle?’

Woher soll ich wissen warum? Und wenn ich es weiß, gebe ich den Vorsatz zu. Intelligenztest am Straßenrand auf MPU-Level. Es gibt immer einen Grund. Der Grund interessiert nicht. Er ändert nichts an der gegebenen Situation: Jedes Pärchen, welches einem Streifenwagen entsteigt, schwenkt mir mit der Stopp-Kelle ein imaginäres Kreuz entgegen und gibt vor, an mir einen persönlichen Exorzismus praktizieren zu müssen. Frei nach dem alten Schlagerträller »Das Böse lauert immer und überall.« Nur, dass das Böse nicht lauert, sondern deutlich erkennbar in gebückter Haltung auf der Strasse herumgondelt.

Beide Helden in Uniform belehren mich. Schlimmer noch. Ich muss es ihnen auch noch glauben, dass es hierbei nur um meine eigene Sicherheit geht. Würde ich nur die Ahnung eines gewissen Verständnisses um die Fahrdynamik eines Motorrades zeigen …

»Ach, so einer sind sie.« Ja, so einer bin ich wohl. Polizei-Psychologie auf Jerry Cotton Niveau.

All die Sicherheits- und Renntrainings der letzten Jahre sind somit absolut sinnlos herausgeschmissenes Geld. Jede Erweiterung meines Könnens im Umgang mit meinem Motorrad bringt mich nur ein Stückchen weiter auf die dunkle Seite der Ideallinie und an den Rand der StVO. Schon das Lesen eines Buches wie »Die obere Hälfte eines Motorrades« kann mich zu Satans-Jünger verführen, der bei Standlicht und pentagrammartig angeordneten Schraubenschlüsseln, in der Garage den Dämon Geschwindigkeit anbetet und für den der Ghostrider der Messias ist. Warum ich wohl sonst eine dunkle Lederkombi trage?

Es ist die Beständigkeit, vergleichbar einer chinesischen Wasserfolter, mit der jede Kontrolle, jede weitere auf mich gerichtete Laserpistole den Zweifel an mir selbst fördert, und damit all den Exorzisten in die Hände spielt. Bin ich wirklich noch Mensch oder doch ein in Benzindämpfe gehülltes Geschöpf der Unterwelt, sobald ich meinen Helm überziehe? Ein weiterer Teufel, der auf dem Scheiterhaufen des TV-Boulevard-Journalismus zu brennen hat?

Für die Exekutive ist der Fall klar. Ich bin ein jagenswertes Wild. Fünf tödliche Unfälle in meiner Umgebung und ich bin immer noch nicht bereit Buße zu tun und einzustimmen in den Kanon: »Laserpistolen und Kontrollen retten Leben.«

Dabei zeigen sie sich von ihrer besten Seite und stellen an einem Messestand ihre neueste Mess- und Lasertechnik vor. Der Begriff Überwachungstechnik wird verschmäht. Dieser steht für Schwarze-Sherrifs in billigen Popelin-Hemden und VW Lupo als Einsatzwagen. Jetzt und hier spielt unter dem Plastik-Baldachin die Musik der Profiliga: die Jungs und Mädels mit den Armani-Matrix-Mänteln über dem weißen Kragen der Gerechtigkeit. Smartes Lächeln, sonores Bariton und die Liebe eines amerikanischen TV-Predigers zu jungen Mädchen in der Stimme.

»Es geht uns um eure eigene Sicherheit. Der neue PP-Irgendwas-Video-Laser, zielsicher auf 500 Meter, installiert auf einer blauen BMW K 1200 RS. Weitere sechs BMW sind geordert. Leider alle in Blau.«

Gelächter überall. Polizei-Humor.

»Heiliger Boden, Highlander« - Neutrales Gebiet. Die gegnerischen Parteien machen Shake-Hands. Der Prediger und ich lächeln uns freundlich zu. Interessierte Fragen werden gestellt und freundlich beantwortet. Sein Blick sagt klar und deutlich: Wir sehen uns wieder. Und für einen von uns beiden, wird es mit einer wirklich scharfen Rasur am Halsansatz enden. Irgendwie bekomme ich nicht den Eindruck, dass er mein Leben retten will.

Er will mich am Arsch kriegen. Möchte mich stellen und mir zeigen, was für ein verantwortungsloser, egoistischer Schweinehund ich bin, wenn er mich denn auf Video gebannt hat. Er ist der gute Deavers-Cop mit einer Mission, und ich soll es ihm danken, meinem Lebensretter.

»Mit dem neuen Motorrad ist es möglich, dem Motorradfahrer an Ort und Stelle sein Fehlverhalten deutlich zu machen und so im verkehrserzieherischen Gespräch auf eine Verhaltensänderung hinzuwirken. Künftig muss jeder, der seine Maschine ‚ausreizen’ will, damit rechnen, dass er für sein Fehlverhalten zur Rechenschaft gezogen wird.« Original Pressemitteilung, Staatssekretär Heribert Rech, April 2003.

Mit der Zeit kommt die Erfahrung der Sinnlosigkeit, sich gegen die Anhänger des Götzen »Kontrolle« wehren zu wollen. Gleichgültig ob diese als uniformierte Staatsgewalt oder als Publikum hinter der Leitplanke auftreten. Sie werden immer darauf beharren, dass Können, Erfahrung und der gesunde Menschenverstand,   die schlechtesten und bösartigsten Begleiter sind. Die unweigerlich zu Risikobereitschaft und Selbstüberschätzung führen. Und ihr schlagendes Argument heißt: Tod.

»Jeder Tote ist einer zuviel.«

Die Top-Karte im diesem Alles-nur-zu-deinem-Besten-Quartett. Unschlagbar. Nicht zu diskutieren, ohne sich dabei als moralisch auf einem anderen Planeten lebender Hannibal Lecter zu outen.

Natürlich ist jeder Tote einer zuviel – was für ein dämliches Argument. Ich habe zwei Augen, zwei Ohren, zwei Daumen – und ich bin kein Affe! Hat aber der Tod beim Fahren eines sportlichen Motorrades als Beweis dafür zu gelten, dass der motorradfahrende Mensch am Rande eines selbstgewählten Suizids lebt?

»Das neue Polizei-Videokrad, das als solches nicht zu erkennen ist, versetzt die Polizei in die Lage, besonders unfallträchtiges Verhalten von Motorradfahrern beweissicher zu dokumentieren und zu ahnden.« Original Pressemitteilung, Staatssekretär Heribert Rech, April 2003.

Scheinbar ja. Je sportlicher und leistungsstärker das Motorrad, desto deutlicher und offener wird diese These bemüht. Leise und hinter vorgehaltener Hand beim Leitplanken-Publikum. Laut brüllend als TV-Boulevard-Autobahn-Jagdszene und mit Elan beim Schwung einer Stopp-Polizei-Kelle. Unterstützt vom Stromberg-Bärtchen tragenden Westentaschen-Verkehrs-Psychologen, der als eingekaufter Boulevard-Medien-Experte sein Zwei-Minuten-Statement, mäßig intelligent über seine Lesebrille stierend, dem breiten Publikum vorstellt.

Einen besonderen Menschenschlag möchte ich nicht vergessen zu erwähnen: Die Solarium gebräunten Motorrad-Szene-Boy-Groups mit ihren Garagen-Glitzer-Gixxern, sonst eher wortkarg und höchstens bereit zu einem »Hau dirrr auf’s Maul« in Yo-Man-Gestik. Die beim Anblick einer Fernsehkamera und eines Mikrofons sofort ein feuchtes Höschen bekommen und Mami übers Handy anrufen: »Gucke mal, ische binne imme Fennseeeehn und d’ ha-ha-haben mich sogar interwuutt! Toll – wa?«

Diese bunten Lederjacken und Bandalas Träger, nett verziert mit dem Tagesmotto »Carpe Diem« und neckischen Piratenschädelchen, die dämlicherweise immer glauben in einem Gangsta-Rapper-Video mitzuspielen und dabei große Töne in ein Mikro spucken zu können: »Volle geiiil!«

Ein Blick in die Umgebung (keine Möpse weit und breit!) und in den Spiegel, hätte sie ganz einfach aufklären können – ein Milchbrötchen bleibt ein Milchbrötchen. Pfundweise Goldkettchen um den Hals, hin oder her.

Es gibt nur eines was übrig bleibt um einen echten Beweis gegen dieses Totschlag-Argument und all die Pimp-My-Pipe-Hohlgeschosse zu liefern: Sportlich Motorrad fahren und in hohem Alter im Bett sterben.

Epilog

Ich fahre meine Lieblingsstrecke zurück nach Hause. Zügig. Mit der Kenntnis um jede Einfahrt und Ausfahrt, jedem Kreuz am Straßenrand und das hier nur 60 km/h erlaubt sind. Mein Tacho zeigt um einiges mehr an. Ich könnte nebenher noch eine Zigarette drehen. Das Monster in mir schläft.

»Mit dem neuen, 32.000 Euro teuren Video-Motorrad hoffe die Polizei die unfallträchtigen Verkehrsverstöße, allen voran die Hauptunfallursache “überhöhte oder nicht angepasste Geschwindigkeit” und damit zusammenhängendes Fehlverhalten wirksamer bekämpfen zu können.« Original Pressemitteilung, Staatssekretär Heribert Rech, April 2003.

Hinter mir kommt eine Ducati langsam auf. Ich überhole ein Auto und gebe dem Monster in mir Freigang. Drei Kurven weiter ist die Sache vorbei. Ich fahre direkt vor der nächsten Linkskurve auf ein weiteres Auto auf und bremse ab. Die Ducati geht an mir vorbei und überholt auch den vor mir fahrenden Wagen. Hübscher Kombi. Rot-Weiss im Ducati-Style. Er muss ein fantastisches Radar in seinem Cockpit installiert haben. Ich konnte absolut nicht erkennen ob uns etwas entgegen kommt.

Ich frage mich, welches Monster er abends im Spiegel sieht?

Bleibt sauber da draussen und am Leben.

Steven
Motorrad Enthusiast

*Jeffery Deaver gilt als einer der weltweit besten Autoren intelligenter psychologischer Thriller. Sein Roman »Die Assistentin« um den vollständig gelähmten Inspektor Lincoln Rhyme wurde als »Der Knochenjäger« verfilmt.

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